Sachversicherungen Lupine zieht aufs Land: 29 März 2007
 

Donnerstag, 29. März 2007

Rückblick: Stunde Null

Mitten in der Nacht vor dem großen Umzug werde ich schlagartig wach und denke: "Sommerzeit. Verdammt, ab morgen ist Sommerzeit." Ich hatte schon immer großes Talent darin, Zeitumstellungen zu verschlafen. Besonders peinlich war das, als ich eine Stunde zu früh zu einer Vernissage kam und dem Künstler sagte, dass es schon verwunderlich sei, wie wenig Leute zu seiner Ausstellung kämen. Er hat nur höflich gelächelt.
Aber bei einem Umzug ist das etwas anderes. Da zählt jede Minute.
"Die Zeit wird umgestellt", blöke ich in die nächtliche Stille.
Neben mir grummelt es dumpf ins Kissen.
"Was ist, wenn unsere Helfer das verschlafen? Oder deine Mutter? Deine Mutter hat bestimmt nicht daran gedacht, und sie will doch den Hund holen und den wichtigsten Helfer mitbringen... und Kuchen..." Sogar ich nehme den panischen Unterton in meiner Stimme wahr. Metallisch-hysterisch klingt sie.
Der Mann aber ist einfach nur müde. Die Knochen tun ihm weh und es ist ihm ziemlich schietegal, wer wann kommt. Hauptsache, die Helfer sind irgendwann da.
Sind sie auch. Nur der LKW fehlt. Nachts hat ihn ein anderer Kunde zugeparkt, und der Mann kann ihn nicht rausfahren. Er flucht laut und heftig, und einen Bruchteil einer Sekunde frage ich mich, warum ich eigentlich schon seit fünf Jahren mit ihm zusammen bin, aber der Sonntagsmitarbeiter der LKW-Zentrale beschwichtigt: Ab neun Uhr würde der andere Kunde wegfahren.
12 Stunden später ist der Krieg der Kisten vorläufig beendet. Unsere Gesichter würden jede Geisterbahn bereichern; grau und fahl sehe ich aus, mit spröden Lippen, müdem Haar und dunklen Schatten unter den geröteten Augen.
Nachts lausche ich angestrengt, weil ich die Geräusche der Natur entdecken möchte. Doch es gibt nichts zu entdecken. Nicht mal ein Käuzchen ruft. Ich höre einfach gar nichts.
Der Mann neben mir riecht vertraut; sein Atem wärmt meinen Rücken. Ich weiß wieder ganz genau, warum ich mit ihm zusammen bin.
Mein Herz schlägt schnell und heftig, und irgendwann schlafe ich ein - zum letzten Mal etappenweise mit Hundehusten im träumenden Mittelohr.

Nachholbedarf

Das mag zynisch klingen - aber ich dachte nicht, dass unsere erste Gartenarbeit darin besteht, unseren Hund zu begraben. Leider war es aber so.
Am Tag 1 im neuen Leben wollte er nicht mehr. 17 Jahre lang war er seinem Herrchen auf Schritt und Tritt gefolgt, ob es diesem nun Recht war oder nicht. Er hat uns nachts mit seinem senilen Husten wachgehalten, unseren Tagesrhythmus bestimmt und unser Augenmerk für sich alleine gebucht.
Wir vermissen unseren trotteligen Opi so sehr.

Er hat sich auf seine Lieblingswiese gelegt - dorthin, wo er schon als Welpe herumgetollt hat - und ist friedlich eingeschlafen. Es ging ganz schnell.

Nun haben wir ihn in unserem Garten begraben. Eine Laterne mit flackerndem Kerzenlicht weist ihm nachts den Weg in den Hundehimmel.

Haben wir wirklich Nachholbedarf? Seit fast zwei Jahren waren wir wegen ihm nicht mehr auf Reisen, haben uns Kinobesuche und Partys verkniffen. Aber hier, auf dem Land, ist das alles sowieso ganz weit weg. Und ich würde es sofort wieder eintauschen gegen stinkendes nasses Hundefell nach einem Spaziergang im Regen.

Nachholbedarf habe ich allerdings beim Schreiben - und dem werde ich nun nachkommen.

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